Die sibirisch-tatarische Sprache hat in der Russischen Föderation keinen offiziellen Status. Sie wurde bei der Volkszählung 2020 nicht als eigenständige Sprache ausgewiesen, und ihre Sprecherzahl wurde wieder mit der Gesamtzahl der Tataren zusammengelegt. Linguisten, die sich mit der sibirisch-tatarischen Sprache beschäftigen, nennen folgende Zahlen: Die Zahl der ethnischen sibirischen Tataren beträgt 395.369, und etwa die Hälfte von ihnen spricht ihre Muttersprache. Gleichzeitig bezeichneten sich bei der offiziellen Volkszählung nur 6.297 Personen als sibirische Tataren. Ein eklatanter Unterschied!
IBT startete das sibirisch-tatarische Projekt im Jahr 2017 und hat seitdem drei Veröffentlichungen realisiert: Jona, Ruth/Esther und Evangeliumsgleichnisse. Das erste vollständige Evangelium auf Sibirisch-Tatarisch, Markus, ist unterwegs, und es wurde bereits eine Audioaufnahme gemacht. Bei diesem Projekt folgen die Audioaufnahmen den Buchausgaben nicht hinterher, und das hat einen guten Grund: Die meisten sibirischen Tataren können in ihrer Muttersprache nicht lesen, da sie dies nie in der Schule gelernt haben. Es handelt sich um eine fast ausschliesslich gesprochene Sprache, in der es nur sehr wenig schriftliches Material gibt.
Damira (Name geändert) ist die sibirisch-tatarische Frau, die ihre Stimme den Audioaufnahmen der IBT-Übersetzungen leiht. Für Damira ist das Lesen von Bibeltexten auf Sibirisch-Tatarisch wie das Lösen einer Gleichung mit mehreren Variablen (Unbekannten). Erstens hat sie noch nie eine Bibel in den Händen gehalten. Zweitens kannte sie vor der Teilnahme an diesem Projekt das Alphabet ihrer Muttersprache nicht, wie die grosse Mehrheit der sibirischen Tataren. Unter diesen Umständen musste sie lernen, die Bibel in Sibirisch-Tatarisch mühelos und in einem guten Tempo zu lesen, damit ihre Audioaufnahme natürlich klingt.
Wie alle sibirischen Tataren ist Damira Muslimin, was aber nicht bedeutet, dass sie die Geschichten des Alten Testaments, die auch im Koran vorkommen, kannte. Über den Grad ihrer Religiosität sagt sie Folgendes: „Wir sind Muslime: Nun, wir wissen, dass es Gott – Allah – gibt. Wir halten uns an einige Traditionen und besuchen einige religiöse Veranstaltungen, aber wir verrichten nicht die täglichen Gebete. Wir sind gläubig, aber nicht in dem Masse, dass wir in die Moschee gehen würden.“
Und das sagte sie über das Lesen in Sibirisch-Tatarisch: „Das Kasan-Tatarische, das wir alle in der Schule gelernt haben, und unsere Muttersprache Sibirisch-Tatarisch sind wie Deutsch und Englisch. Im Kasan-Tatarischen ist es so einfach zu lesen wie im Deutschen: Die Buchstaben werden so ausgesprochen, wie sie geschrieben werden. Aber im Sibirisch-Tatarisch muss man, wie im Englischen, die Ausspracheregeln kennen. Andererseits ist das literarische Kasan-Tatarisch für mich wie eine Fremdsprache: Es ist leicht auszusprechen, aber ich verstehe die Wörter nicht. Als ich die erste Seite meines ersten Buches auf Sibirisch-Tatarisch zu lesen begann, war ich das Lesen nicht gewohnt, aber bald hatte ich den Dreh raus: Ich begann die Wörter zu erkennen, sie gehörten tatsächlich zu meiner eigenen Sprache, alles wurde klar, und ich las das Buch sehr schnell zu Ende!“
Im Jahr 2024 kam Damira zum dritten Mal für Audioaufnahmen nach Moskau, nachdem sie bereits Jona, die Evangeliumsgleichnisse, Ruth und Esther aufgenommen hatte. Die Tonaufnahme des Markusevangeliums wurde in vier Tagen abgeschlossen. Damira erzählt gerne von ihrer Arbeit als Vorleserin und den Umständen, die sie dabei begleiteten:
„Ich habe diesen Text sehr gerne aufgenommen. Vor ein paar Jahren habe ich einen Spielfilm über das Evangelium gesehen. Das hat mich interessiert, aber ich hätte nie gedacht, dass ich diejenige sein würde, die eine Audioaufnahme eines Evangeliums macht! Als ich den Text vorab erhielt, um mich vor der Aufnahme damit vertraut zu machen, machte ich mich auf die Suche und fand ein paar weitere russischsprachige Filme über Jesus. Einer davon erwies sich als sehr authentisch – genau wie unser Text! Ich habe ihn mir zweimal angesehen: erstens, weil ich genau auf die Intonation achten musste, um mich auf die Audioaufnahme vorzubereiten, und zweitens, weil mir die Geschichte selbst sehr gut gefiel, denn sie handelt von Jesus Christus, wie er kam, wie er die Menschen führte.“
Aus früheren Gesprächen wusste ich, dass Damira eine tief religiöse muslimische Tante hat, die regelmässig die Moschee besucht, die täglichen Gebete verrichtet und mit den gemeinsamen Themen von Islam und Christentum vertraut ist. Sie liest auch die Suren des Korans auf Arabisch, ohne jedoch die Sprache zu verstehen. Natürlich war ich neugierig, ob Damira ihrer Tante das Markusevangelium vorstellen würde, also fragte ich sie direkt danach.
„Meine Tante ist bereits mit unseren früheren Übersetzungen vertraut. Sie sagt, dass wir Muslime in diesen Geschichten viel mit den Christen gemeinsam haben. Viele der Gebote, viele der Lehren sind dieselben. Aber meine Tante liest nicht auf Sibirisch-Tatarisch, sie hört zu. Sie kennt auch das Alphabet nicht, weil es erst vor kurzem erschienen ist. Ich werde ihr die Audioaufnahme auf jeden Fall weitergeben. Ich werde sie auch meinem ehemaligen Klassenkameraden weitergeben, der herausgefunden hat, dass ich biblische Texte aufnehme. Nachdem er sie angehört hat, fragt er jetzt nach neuen und sagt, dass er sie abends vor dem Einschlafen anhört. Seit meiner Schulzeit treffe ich mich hie und da mit ihm; normalerweise kommunizieren wir auf Russisch miteinander. Als er meine Aufnahmen hörte, war er ziemlich überrascht: ‚Wie viele Jahre kennen wir uns schon, und ich hatte keine Ahnung, dass du unsere Muttersprache so gut beherrschst!‘ Ich möchte ihm auch eines der Bücher schenken. Wenn er es gerne gehört hat, soll er auch versuchen, es zu lesen.“
„Mein Hauptziel bei der Teilnahme an diesem Projekt ist der Erhalt unserer sibirisch-tatarischen Sprache“, fährt Damira fort. „Aber auch das Projekt selbst ist interessant, vor allem, weil ich dadurch verschiedene Menschen kennenlerne. Ich möchte dir noch erzählen, was mir während dieser wenigen Tage der Audioaufnahme passiert ist.“ Und sie erzählte die folgende Geschichte:
„Im Alltag sprechen wir unsere eigene Sprache nur sehr wenig und meistens mit der älteren Generation: Eltern, Grossmütter, Tanten usw. Und dann auch nur ab und zu. Manchmal sprechen wir auch mit ihnen Russisch. Die Sprache gerät also in Vergessenheit. Aber hier habe ich vier Tage hintereinander auf Sibirisch-Tatarisch gelesen und gelesen und gelesen. Dann sind der Übersetzer und ich nach der Aufnahme durch Moskau spaziert, und wir haben nicht einmal sofort gemerkt, dass wir in unserer eigenen Sprache redeten! Und gestern Abend, als ich nach der Aufnahme frei hatte, rief ich eine enge Freundin an, um zu plaudern. Ich fing an zu reden, und sie unterbrach mich: ‚Wie ungewöhnlich, dass du unsere sibirisch-tatarische Sprache sprichst!‘ Ich war überrascht. ‚Habe ich sie gesprochen?‘ verwunderte ich mich. – ‚Nun ja‘, antwortete sie, ‚diesmal hast du von Anfang an Sibirisch-Tatarisch mit mir gesprochen!‘ Sie und ich sind seit über vierzig Jahren befreundet und haben praktisch keine Erfahrung damit, unsere eigene Sprache miteinander zu sprechen. Seit unserer Schulzeit sind wir daran gewöhnt, Russisch zu sprechen. Als ich mich mit dem Übersetzer in meiner Muttersprache unterhielt, lernte ich selbst so viele neue Wörter. Und vor allem habe ich das Gefühl, dass ich jetzt frei sprechen kann, dass ich mich leicht verständigen kann, während ich früher gestottert und Wörter vergessen habe und mich nicht mehr daran erinnern konnte. Jetzt tauchen sie aus meinem Unterbewusstsein auf, und ausserdem wird mein Wortschatz mit neuen Wörtern angereichert, die ich noch nie gehört habe. Ich will diese neuen Wörter lernen, ich will meine Sprache weiter sprechen!“
„Leider haben meine Söhne das Stadium, in dem der Spracherwerb einfach ist, bereits hinter sich gelassen: Der Ältere, der 33 Jahre alt ist, spricht gebrochenes Sibirisch-Tatarisch, wie ein Fremder. Der zweite Sohn spricht die Sprache überhaupt nicht. Er sagte einmal: ‚Natürlich möchte ich meine Muttersprache beherrschen, aber in meinem Alter ist es schon schwierig, sie zu lernen.‘ – Und jetzt, dank diesem Projekt, habe ich einen Traum: So Gott will, möchte ich, wenn meine Enkelkinder geboren werden, nur noch in meiner Muttersprache mit ihnen sprechen – in Sibirisch Tatarisch!“
Und danke Ihnen, liebe Leser und Leserinnen, für Ihre finanzielle Unterstützung weiterer Schulungen im Gebiet „Bibelgebrauch“.
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