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„Jeder will etwas Authentisches finden"
Herbst 2024 Rundbrief

Das Dargi-Bibelübersetzungsteam ist in Dagestan stationiert. Einer von diesem Team, der das Hohelied der Liebe übersetzt und mehrere andere Dargi-Bibeltexte redigiert hat, besuchte kürzlich das IBT-Büro während eines Aufenthaltes in Moskau. Er erzählte den IBT-Mitarbeitenden viele Erlebnisse, darunter auch die folgende Episode: „Ich habe kürzlich einen Dargi-Künstler in Machatschkala besucht und ihn dabei überrascht, wie er die Bibel auf Russisch las. 'Wow, was ist das?', fragte ich ihn. Alle hier lesen den Koran, und du liest die Bibel! Wie kommt das?‘ ‚Ich kann kein Arabisch‘, antwortete er schlicht und einfach. 'Ich lerne das, was ich brauche, lieber aus der Bibel.'“

„Und hast du ihm gesagt, dass du an der Übersetzung der Bibel ins Dargische beteiligt bist?“ erkundigte ich mich. „Nein,“ antwortete der Übersetzer, „er kann sowieso nicht Dargisch lesen. Glaubst du, dass jeder Dargi die Dargi-Sprache lesen kann? Sicher nicht!“ – erwiderte mein Gesprächspartner.

Seine Antwort verunsicherte mich, so dass ich eine klärende Frage stellte: „Für wen übersetzen wir dann, wenn nur wenige Menschen Dargisch lesen können?“ – „Auch das wird vorübergehen“, antwortete unser Gast unerwartet mit Worten, die traditionell König Salomon zugeschrieben werden. Als Dargi-Dichter kennt er seine Muttersprache sehr gut und arbeitet für eine Dargi-Literaturzeitschrift, aber er sah überhaupt nicht traurig aus, als er die traurige Situation mit seiner Muttersprache beschrieb. „Was genau soll vorübergehen?“ fragte ich verblüfft.

„Die Zeit wird vorübergehen, in der die Menschen ihre Sprache vergessen und sie nicht mehr lernen. Es wird die Zeit kommen, wenn sie wieder anfangen, sie zu lesen! Die Menschen haben nur noch nicht begriffen, was aus ihnen wird, wenn sie ihre Muttersprache verlieren. Wenn sie ihre Muttersprache verlieren, dann verlieren sie einen beträchtlichen Teil ihrer Kultur. Wenn sie das begreifen, werden sie wieder lesen! Und diese Bibelausgaben werden mit Sicherheit gefragt sein, weil sie für die Menschen etwas Neues sind. Alle Religionen sind miteinander verbunden, und ihre Hauptbotschaft ist ähnlich. Daran sind die Menschen interessiert.“

Ich erinnerte mich an einige Worte, die der exegetische Berater für Dargisch einmal gesagt hatte. Anders als mein Gesprächspartner kann er die Situation in Dagestan als Außenstehender betrachten - erstens als Christ und zweitens als jemand, der nicht dort lebt. Außerdem hat der Exeget in mehreren anderen Regionen Russlands an Bibelübersetzungsprojekten mitgearbeitet, so dass er eine Vergleichsgrundlage hat. Er sagte Folgendes: „Alle Mitarbeitende des Dargi-Projekts, sowohl während des Übersetzungsprozesses als auch beim Testen der übersetzten Texte vor Ort, haben eines gemeinsam: Sie alle wollen etwas Sinnvolles, etwas Authentisches finden. Für mich ist klar, dass die Bibel dieses Bedürfnis erfüllt. Aber das Schwierigste daran ist: Wie kann man sie so vermitteln, dass die Menschen merken, dass man nicht missioniert, sondern aufrichtig einen Schatz mit ihnen teilt? Schließlich ist Dagestan eine Region mit unlängst wiederbelebten muslimischen Traditionen, die viele Menschen noch nicht wirklich verstehen, die aber in ihren Köpfen fest mit ihrer ethnischen Identität verbunden sind.

Ein Beispiel: Wir haben die Sprüche Salomos und das Buch Kohelet (Prediger) in einer einzigen Ausgabe herausgegeben, und unsere neue Übersetzerin beschloss, dieses Buch bei einer Dargi-Sprachfeier zu verteilen. Sie berichtet, dass die Leute das Buch erwartungsvoll entgegennahmen, weil sie froh waren, etwas Interessantes in ihrer Muttersprache zu sehen. Sie öffneten es, lasen einige Abschnitte und bewunderten es. Doch sobald sie erfuhren, dass es sich um Übersetzungen aus der Bibel handelte, reagierten sie widersprüchlich: ‚Warum stehen diese Dinge gerade in der Bibel? Wer hat der Bibel das Recht gegeben, sich das alles anzueignen?‘“

Mit solchen Beispielen im Kopf und in Erinnerung daran, wie der Dargi-Übersetzer den Künstler fragte, warum er den Koran nicht lese, beschloss ich, mehr über den Gebrauch des Korans bei den Dargis herauszufinden. Ich wollte mir ein Bild davon machen, welche Art von Publikum unsere Bibelübersetzungen erreichen und ob die Menschen die gemeinsamen Geschichten von Bibel und Koran gut genug kennen. Also fragte ich meinen Gast, ob das Lesen des Korans zu den  täglichen Lebensgewohnheiten gehöre und in welcher Sprache die Menschen ihn lesen: in ihrer Muttersprache Dargi, in der Verkehrssprache Russisch oder in der Originalsprache Arabisch? Es ist bekannt, dass eifrige Muslime es für unangebracht halten, den Koran überhaupt zu übersetzen, da die Übersetzung den Sinn des Originals verfälschen könnte.

„Wir haben zwar eine Dargi-Übersetzung des Korans“, antwortete der Übersetzer. „Aber die Leute glauben nicht, was sie darin lesen. Sie sagen: 'Es ist unmöglich, dass solche Dinge im Koran stehen!' Die Dargi-Ausgabe ist keine kommentierte Ausgabe. Meine eigene Meinung ist, dass der Koran nur mit Hilfe von erklärenden Fußnoten oder einem Kommentar gelesen werden sollte. Wenn man nur den Text selbst ohne Kommentar liest, wird man nichts verstehen, selbst wenn man eine wissenschaftliche russische Übersetzung liest. Die bekannteste akademische Übersetzung des Korans ins Russische stammt von Professor Nuri Osmanov, und er war ein Dargi! Er bestand jedoch darauf, dass seine Dargi-Kenntnisse nicht ausreichten, um bei der Übersetzung des Korans ins Dargische helfen zu können. Er sagte auch, dass er nie einem der Übersetzer des Korans ins Dargische begegnet sei. Prof. Osmanov hatte also nichts mit der bestehenden Dargi-Übersetzung des Korans zu tun. Diese Übersetzung entstand ohne ein System von Mehrfachkontrollen, wie es das IBT bei der Übersetzung der Bibel anwendet. Vielleicht ist das der Grund, warum die Dargi-Übersetzung des Korans nicht als zuverlässig gilt. 

 

Der Brauch, den Koran auf Arabisch auswendig zu lernen, ist in unserer Region inzwischen weit verbreitet. Menschen, die den Koran vollständig auf Arabisch auswendig gelernt haben, werden Hafiz genannt. Der jüngere Bruder des Ehemanns meiner Tochter wurde zum Beispiel ein Hafiz. Er hat sieben Jahre lang mit 30 anderen studiert, und 16 von ihnen haben den ganzen Koran auswendig gelernt. Und was für ein riesiges Buch - nicht jeder Kopf kann so etwas aushalten! Heutzutage ist es beliebt, Wettbewerbe unter den Hafiz zu veranstalten, um zu sehen, wer ihn am besten rezitieren kann. Nun hat keiner von ihnen die arabische Sprache wirklich studiert; sie haben zwar gelernt, den Text richtig auszusprechen, aber sie wissen nicht, was darin steht. Nach meinen Beobachtungen spielen die Menschen heutzutage eine Rolle als Gläubige.

Alle gehen in die Moschee, aber worüber die Leute untereinander reden, hat nichts mit Religion zu tun. Sie können die Moschee verlassen und einen heben gehen. Es stellt sich heraus, dass die Religion nur ein weiteres Hobby ist. Vor einiger Zeit forderten die Muslime in Moskau, dass mehr Moscheen gebaut werden und dass der Gebetsruf ertönt. Aber wozu brauchen sie den Gebetsruf in Moskau? Der Koran selbst sagt: ‚Die ganze Erde ist eine Moschee‘. So sollte es auch sein. Gott ist einer. Menschen mit unterschiedlichen Bräuchen und Religionen wenden sich an denselben Gott. Und stur zu sein und darauf zu beharren, dass meine Religion die beste ist – was soll das bringen?“

Dieses Gespräch fand kurz nach der Veröffentlichung der vier Evangelien, der Apostelgeschichte und der Offenbarung auf Dargisch statt. Unser dagestanischer Gast fragte, ob er ein Exemplar dieser Ausgabe bekommen könnte, obwohl er nicht derjenige war, der sie übersetzt hatte. Die IBT-Mitarbeitenden stimmten natürlich zu und erklärten, dass ihre Bibelübersetzungen niemals diesem oder jenem Übersetzer als Privatarbeit zugeschrieben werden. Wir boten ihm an, sogar zehn Exemplare des Buches zu nehmen, wenn er wolle. „OK, zehn sind in Ordnung“, antwortete unser Gast ... aber er sah nicht wirklich zufrieden aus. Wir fragten ihn, ob er in der Lage sei, mehr als zehn Exemplare zu verteilen. „Aber natürlich kann ich das! Bestimmt 40 oder 50. Ich werde sie an alle in meiner Umgebung verteilen, es gibt viele Interessierte“, lautete seine überraschende Antwort. Wir beschlossen, ihn zu fragen, ob er hundert Exemplare mitnehmen würde, und hier wurde unser Gast richtig fröhlich und erzählte Folgendes: „Ich gebe Dargi-Schriftübersetzungen an Freunde und Freunde von Freunden und höre oft: ‚Gibt es noch mehr Bücher? Bitte gebt mir mehr!‘ Und einer sagte, nachdem er das Buch gelesen hatte: ‚Warum habe ich das nicht schon früher gesehen?‘“

In dieses komplizierte Umfeld kommen die Bibelübersetzungen in der komplexen Region Dagestan. Den Menschen gefällt, was sie in der Bibel lesen ... aber sie wehren sich dagegen, es in der Bibel zu finden. Sie wollen den Koran kennen, aber wenn sie ihn lesen, glauben sie nicht, was darin steht, und lesen ihn lieber, ohne etwas zu verstehen. Sie spielen Religion, aber sie suchen ernsthaft nach der Wahrheit. „Jeder will die Wahrheit hören“, rief der Dargi-Exeget aus. Dies ist die erlösende Tatsache, die sowohl für eine Sprache als auch ein Bibelübersetzungsprojekt Hoffnung gibt. 



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