Direkt zum Inhalt
„Lesen ist schwierig, aber Zuhören ist einfacher. Deshalb nehmen wir die Evangelien als Audio auf."
Winter 2025-2026 Rundbrief

"Jeder Dagestaner hat die Pflicht, das Haus seines Vaters instand zu halten und es nicht verfallen zu lassen. Deshalb kehre ich jedes Jahr in die lakische Stadt Kumuch zurück, wo ich geboren und aufgewachsen bin. Eines Tages ging ich durch den Park in Kumuch und hörte, wie mich jemand rief. Ich drehte mich um und schaute: Eine junge Frau kam auf mich zu, mit einem kleinen Mädchen auf dem Arm und einem Jungen, der ihr hinterherlief. Es stellte sich heraus, dass der Junge mein Namensvetter war und die Mutter ihn - nicht mich – gerufen hatte. Ich hörte, wie das Kind mit seiner Mutter in reinem Russisch sprach, und sie antwortete auf Russisch mit einem ausgeprägten lakischen Akzent. Ich hörte eine Weile zu und sagte dann zu ihr: "Es ist natürlich toll, dass dein Kind Russisch kann, aber es hätte es auf jeden Fall gelernt. Wer, wenn nicht du, wird mit ihm in seiner Muttersprache sprechen? Zumindest um der Bewahrung der Sprache willen." Ihre Antwort brachte mich beinahe um: "Wer in aller Welt braucht die lakische Sprache? Ich bringe meinem Sohn lieber Arabisch bei." 

Das ist die traurige Geschichte, die mir Aslan Magomedow, der Leiter des lakischen Musik- und Schauspieltheaters in Machatschkala, erzählte, als er in Moskau war, um bei der Aufnahme der lakischen Übersetzung des Lukasevangeliums zu helfen. Nach einem gefüllten Arbeitstag erklärte sich Aslan bereit, mit mir über den aktuellen Zustand seiner Muttersprache sowie über seine Arbeit und Teilnahme am Lakisch-Projekt des IBT zu sprechen.

"Als ich ein Junge war, wurde bei uns zu Hause nur Lakisch gesprochen" erinnert sich Aslan. "Sowohl mein Vater als auch meine Mutter arbeiteten im Theater. Mein Vater ist ein verdienter Künstler Russlands und meine Mutter eine verdiente Kulturschaffende der Republik Dagestan. Mein Vater hat mir immer gesagt: "Du kannst die russische Sprache und die Sprachen der anderen Ethnien Dagestans auf der Strasse lernen, und Russisch wirst du natürlich in der Schule lernen." Im Laufe meines Lebens bin ich immer wieder von der Wahrheit seiner Worte überzeugt worden. Bis 1968, als ich in die 1. Klasse kam, lebten wir in einem lakischsprachigen Dorf. Zu Sowjetzeiten wurde unsere Muttersprache in ländlichen Grundschulen unterrichtet. Aber als es für mich an der Zeit war, zur Schule zu gehen, wurde das Theater, in dem meine Eltern arbeiteten, unerwartet in die Stadt verlegt. In den städtischen Schulen wurde der gesamte Unterricht auf Russisch abgehalten, und ich konnte überhaupt nicht Russisch. Stellen Sie sich vor: Ein Kind kommt in drei Monaten in die erste Klasse und muss in diesen drei Monaten eine neue Sprache von Grund auf lernen, um den Lehrer überhaupt zu verstehen. Als ich in die Stadt zog, schickte mich mein Vater deshalb zum Spielen mit anderen Jungs auf die Strasse, damit ich von ihnen Russisch lernen konnte. Er liess mich nur zum Essen nach Hause kommen. Zudem stellte er einen Privatlehrer ein, der mit mir Russisch sprach. Als die Schule anfing, konnte ich schon einigermassen Russisch verstehen.

Als achtjähriger Junge verbrachte ich einen Monat in der Stadt Buinaksk, wo zu Sowjetzeiten die meiste Kommunikation auf Kumykisch stattfand. Die russische Sprache wurde dort natürlich auch verstanden, aber gleichzeitig gab es keine einzige Person (seien es Awaren, Darginen, Lesgier oder Laken), die nicht auch die kumykische Sprache beherrschte. So begann ich, auch Kumykisch zu verstehen, nachdem ich ein paar Tage auf der Strasse gespielt hatte. Dann habe ich an einer Universität in Tiflis (der Hauptstadt Georgiens) studiert. Die anderen Jungendlichen dort sprachen perfekt Russisch und verständigten sich mit mir auf Russisch, so dass ich zuerst nicht verstehen konnte, warum sie sofort auf Georgisch umschalteten und meine Anwesenheit vergassen, wenn sich ein weitere Georgier näherte. Ich fragte sie danach, und sie antworteten mit Humor: ‚Du wohnst jetzt hier, nicht wahr? Also lerne unsere Sprache!‘ Schliesslich fing ich an, auch Georgisch zu lernen und zu verstehen. Ich erkannte, dass sie das Richtige taten, indem sie ihre Sprache und Kultur bewahrten.

Das lakische Musik- und Schauspieltheater gilt als eines der besten im Nordkaukasus und wird heute von vielen Touristen besucht. In den letzten zehn Jahren haben wir gezielt klassische Werke aufgegriffen und sie sowohl auf Russisch als auch auf Lakisch aufgeführt, um Kinder, Studenten und Jugendliche zu erreichen. Das heisst, wir bereiten die gleiche Aufführung in zwei Versionen vor. Wir führen auch lakische Stücke in unserer Muttersprache Lakisch auf, aber mit Simultanübersetzung ins Russische über Kopfhörer. Wenn ich nicht gerade damit beschäftigt bin, selbst in einem Stück aufzutreten, sitze ich gerne im Publikum und beobachte die Zuschauer. Eines Tages fielen mir ein paar Mädchen auf, die nicht nur einmal, sondern mehrmals zu den gleichen Aufführungen kamen. Ich beschloss, mit ihnen zu sprechen, und sie sagten mir, dass sie absichtlich kämen, um ihre Muttersprache zu lernen, indem sie zuerst die lakische, dann die russische Übersetzung hörten. Sie kannten Shakespeares "Der Widerspenstigen Zähmung" sehr gut und hörten sich die Aufführung auf Lakisch an. Bei der vierten oder fünften Vorstellung brauchten sie die russische Übersetzung nicht mehr und nahmen die Kopfhörer ab."

Ich fragte Aslan, wie er das Institut für Bibelübersetzung kennengelernt und warum er sich bereit erklärt habe, als Vorleser für unsere lakischen Audioaufnahmeprojekte auszuhelfen. Aslan erklärte zunächst, dass er den brennenden Wunsch habe, alles zu tun, um seine Sprache zu bewahren. Er fuhr fort: "Alles begann vor etwa zehn Jahren, als ein Aufnahmeteam aus Kanada kam, um die lakische Tonaufnahme für den 'Jesus'-Film zu machen. Das Drehbuch war vom inzwischen verstorbenen Kazbek Mazaev übersetzt worden, der ein unglaublicher Übersetzer und Experte in unserer Sprache war. Durch ihn begann das kanadische Team nach Schauspielern zu suchen, die diesem Film ihre Stimme leihen sollten. Sie suchten lange nach jemandem, der die Jesus-Rolle sprechen konnte, und sie entschieden sich für mich. Es stellte sich heraus, dass sie Kazbek zuerst gefragt hatten, wo ich in Bezug auf mein persönliches Leben stehe, ob ich trank oder nicht und so weiter, denn wer Jesus seine Stimme verlieh, musste über jeden moralischen Vorwurf erhaben sein. Also habe ich Jesus meine Stimme gegeben, und dann haben wir ein interessantes Liederprojekt gemacht. Die Texte der Lieder waren biblischen Texten entnommen, auch in der Übersetzung von Mazaev, aber mit Volksmelodien der Laken unterlegt. CDs mit diesen Liedern waren sofort ausverkauft, und es wurde bald unmöglich, sie zu finden. Und der 'Jesus'-Film wurde auf Videokassetten vertrieben. Ich hatte drei davon zu Hause, und alle drei verschwanden. Leise, aber für immer verschwunden", lachte Aslan. "Die Leute haben mir versichert: 'Wir geben das Video zurück, keine Sorge', aber keiner von ihnen hat jemals etwas zurückgegeben. Nachdem ich die Jesus-Rolle gesprochen hatte, erfuhr das IBT von mir und nahm mit mir Verbindung auf."

Ich war daran interessiert zu hören, was Aslan persönlich aus seiner Bekanntschaft mit dem Text des Evangeliums gewonnen hat, und er antwortete: "Ich begann vom praktischen muslimischen Standpunkt aus zu entdecken, dass die Mullahs viele ähnliche Dinge sagen, nur dass sie die Namen in die im Islam akzeptierte Form ändern: Jesus ist Isa, Salomo ist Suleiman, und so weiter. Und was die Handlung angeht, passt alles zusammen." 
Als ich hörte, dass Aslan sich selbst als Muslim bezeichnete, fragte ich ihn, wie gründlich er den Koran kenne. "Ich kenne mich mit dem Koran nicht sehr gut aus", antwortete er. "Ich begann, die Geschichten, die ich von meinem Vater gehört hatte, sowie das Buch über den Islam, das ich kürzlich in seinem Besitz fand, mit den Geschichten zu vergleichen, die ich während der Audioaufnahme des Evangeliums gelesen hatte, und es gab viele Ähnlichkeiten. Nicht umsonst sagt man, dass Gott einer ist. Es stimmt. Der Islam wird derzeit in der gesamten Kaukasusregion aktiv gefördert; islamische Universitäten werden eröffnet, und in Machatschkala gibt es eine islamische geisteswissenschaftliche Universität. Und ich denke, es wäre gar nicht so schlecht, wenn sowohl der Islam als auch das Christentum in der Schule unterrichtet würden, zumindest als Wahlfach, damit die Kinder beides vergleichen könnten. Nicht alle Kinder werden später in die Moschee oder in die Kirche gehen, aber immerhin könnten sie in der Schule Gottes Gebote hören. Ich bin überzeugt, dass, wenn diese gelehrt würden, die Kinder durch ihre schulische Bildung ganz anders geprägt würden. Leider wird Religion heutzutage manchmal zur Mode – zum Beispiel, wenn ein muslimischer Mann seinen Bart wachsen lässt und nach aussen hin Glaubensregeln befolgt, aber seine Handlungen nicht seinem frommen Erscheinungsbild entsprechen. Das ist schrecklich." 
Meine letzte Frage bezog sich auf die Bedeutung der lakischen Übersetzung der Evangelien für die modernen Laken: "Werden diese Texte gelesen werden, wenn, wie Sie sagen, die Menschen ihre Sprache langsam verlieren?"

"Nun, Lesen ist schwierig, aber Zuhören ist einfacher. Deshalb nehmen wir diese Texte als Audio auf", resümiert Aslan. "Erinnern Sie sich an die biblischen Lieder, die zu lakischen Volksmelodien vertont wurden und sofort ausverkauft waren? Das Verstehen der Sprache wird beschleunigt, wenn jemand sie gesprochen hört.  Und wenn die Menschen ihre Sprache nicht gut kennen, werden sie sie nicht lesen können. Die Übersetzungen, die erarbeitet wurden, bleiben dann einfach ungenutzt in ihren Regalen. Die Verbreitung in Form von Videos, Audioaufnahmen und Apps mit der Möglichkeit, die Texte vorlesen zu lassen, wird die effektivste Methode sein."

Und danke Ihnen, liebe Leser und Leserinnen, für Ihre finanzielle Unterstützung weiterer Schulungen im Gebiet „Bibelgebrauch“. 
Konto/ Zahlbar an: 
CH54 0070 0111 8000 5298 6
Ev.ref. Kirchgemeinde Zürich-Hirzenbach
Altwiesenstrasse 170, 8051 Zürich
Zusätzliche Informationen Russland

Bankverbindungen für Spenden


Via: UNICREDIT Bank ZAO, Moscow
SWIFT: IMBKRUMM
Zu Gunsten des Instituts für Bibelübersetzung
Address: 119334, Russia, Moscow, Andreevskaya nab. 2

TIN (INN) 7736231521
Neunstelliger Bankidetificationskod im russischen Banksystem: 044525545

Konto Nr. (IBAN):
634261 USD 4020 02 001 oder 40703840700010142881
634261 EUR 4020 02 001 oder 40703978700010366720
634261 GBP 4020 02 001 oder 40703826600010366723

Via: NOSTRO ACCOUNTS OF AO UNICREDIT BANK, MOSCOW:

Through: NOSTRO ACCOUNTS OF AO UNICREDIT BANK, MOSCOW:
USD JPMORGAN CHASE BANK N.A., NEW YORK SWIFT CODE: CHASUS33
EUR UNICREDIT BANK AG (HYPOVEREINSBANK) ,  MUNICH SWIFT CODE: HYVEDEMM
EUR UNICREDIT BANK AUSTRIA AG, VIENNA SWIFT CODE: BKAUATWW
EUR UNICREDIT S.P.A., MILANO SWIFT CODE: UNCRITMM
GBP THE ROYAL BANK OF SCOTLAND PLC, LONDON SWIFT CODE: RBOSGB2L

Wichtig! Im Feld "Zweck" muss die Bemerkung  "Charity donation" stehen.


Für weitere Informationen wenden Sie sich direkt an IBUe

Postanschrift

  •   Institute for Bible Translation
    101000, Moskow, PO Box 360
     
  •   +7 (495) 956-6446
  •   +7 (495) 956-6439
  •   ibt_inform@ibt.org.ru