„In der burjatischen Kultur gibt es traditionell zwei bevorzugte Farben“, sagte die burjatische Übersetzerin Darima von IBT, die ich am Vorabend der Veröffentlichung der vollständigen Bibel in burjatischer Sprache interviewte. „Das sind Türkisblau, die Farbe des Türkissteins, und Rot, die Farbe der Koralle. Das gilt auch für die Kleidung: Türkis- und korallenfarbene Kleidung gefällt mir am besten. Als die Burjaten den Buddhismus übernahmen, tauchte auch die Farbe Orange-Safran in unserer Kultur auf. Rot ist die Farbe der inneren Revolution, der Umwandlung des Denkens. Türkis ist die Farbe des blauen Himmels und unseres blauen Baikalsees. Alle unsere traditionellen Trachten sind türkisblau. Heute haben die IBT-Verlagsabteilung und ich darüber diskutiert, welche Farbe die burjatische Bibel haben sollte. Alle, auch ich, waren für Türkis.“
Das Burjaten-Projekt war eines der ersten Projekte des IBT und bereits weit fortgeschritten, als Darima 1996 zum Übersetzungsteam stiess, zunächst als philologische Redakteurin und dann als Übersetzerin.
„Unser damaliger Übersetzer war Professor Sergej (Zyrendaschi) Badmajewitsch Budajew. Er war ein sehr bekannter burjatischer Übersetzer mit einer eigenen Übersetzungsmethodik, und zu Sowjetzeiten war er es, der mit der Übersetzung aller Bände von Lenin und Stalin betraut war,“ erinnert sich Darima. „Er erzählte mir Interessantes vom Übersetzen von Texten des Marxismus und Leninismus: Die Übersetzung musste absolut wörtlich sein, Wort für Wort, man durfte nicht im Geringsten vom Ausgangstext abweichen. Nun habe ich am Moskauer Literaturinstitut die Abteilung für literarische Übersetzung absolviert, wo wir Übersetzungstheorie studiert haben, und ich wusste, dass eine Übersetzung in erster Linie sinngemäss und nicht wörtlich sein sollte. Der Erfahrungshintergrund eines jeden Bibelübersetzers spielt eine grosse Rolle. Ich erinnere mich, dass Prof. Budajew zu mir sagte: ‚Wenn wir uns bei der Übersetzung solche Freiheiten erlaubt hätten wie Sie, wären wir sofort ins Gefängnis gekommen oder sogar erschossen worden.‘“
„Die Bibel ist keine Belletristik, sie hat ihre eigenen speziellen Merkmale, und unser Übersetzungsteam musste ein Gleichgewicht finden: Die Übersetzung sollte gleichzeitig sinngemäss und genau sein, ohne irgendwelchen Schnickschnack. Als wir mit unserer Übersetzungsarbeit begannen, führten IBT, SIL (Summer Institut for Lingustik) und UBS (Vereinigte Bibelgesellschaften) viele Seminare für Übersetzerinnen und Redakteure durch, in denen wir zahlreiche Beispiele von Bibeltexten analysierten und von erfahrenen Beratern für Bibelübersetzungen angeleitet wurden. Wenn wir auf unbekannte Begriffe aus der Ausgangskultur stiessen, konnte unsere Übersetzung eine Umschreibung sein, oder wir konnten Entlehnungen verwenden, aber wir versuchten immer, die Entlehnungen auf ein Minimum zu beschränken. Stattdessen haben wir versucht, Entsprechungen in der burjatischen Sprache zu finden. Manchmal hat man den Eindruck, dass unsere Übersetzung einige Begriffe aus dem Buddhismus oder Schamanismus verwendet, aber wenn man darüber nachdenkt, sind diese Begriffe in der burjatischen Kultur weit verbreitet und es ist unmöglich, sie einer bestimmten religiösen Tradition zuzuordnen. Wir können nicht sagen: ‚Dies ist ein buddhistisches Wort‘, nur weil Buddhisten es verwenden; diese Wörter wurden schon verwendet, bevor die Burjaten den Buddhismus kennenlernten.“
Die vollständige burjatische Bibel ist das Ergebnis jahrelanger Arbeit von zwei Übersetzungsteams zweier Partnerorganisationen: Die Russische Bibelgesellschaft (BSR) übersetzte das Alte Testament, während das IBT das Neue Testament übersetzte. In den letzten sieben oder acht Jahren haben die Teams die Texte zusammengeführt und nach Kompromisslösungen für schwierige Probleme gesucht. Ich habe Darima gefragt, welche Arbeit sie leisten musste, um die beiden Testamente in einer einzigen Ausgabe zusammenzuführen, und was dabei am schwierigsten war.
„Schon vor Beginn der Zusammenführung war ich als stilistische Redakteurin am BSR-Projekt Altes Testament beteiligt. Ich muss dem Übersetzungsteam des Alten Testaments meine Anerkennung aussprechen: Es sind hochprofessionelle Übersetzerinnen. Irina Gomboin kennt das biblische Hebräisch und hat das Alte Testament direkt aus der Originalsprache übersetzt. Während ich an einer orthodoxen Universität in Moskau neutestamentliches Griechisch lernte (eine unvergesslich interessante Zeit), belegte sie in den Niederlanden Kurse in Althebräisch. Unsere beiden Teams hatten sehr gute exegetische Berater. Als das gemeinsame Projekt begann, waren wir anfangs nicht immer einer Meinung, aber wir hatten gemeinsame Grundlagen, die es uns schliesslich ermöglichten, einen Konsens zu finden. Die burjatischen Kirchgemeinden haben uns bei den Verständlichkeitsüberprüfungen sehr geholfen. Wenn es mehrere konkurrierende burjatische Begriffe gab, die wir verwenden konnten, wählten wir in der Regel denjenigen, den die Leute bei diesen Überprüfungen besser verstanden. Als wir das Neue Testament übersetzten, wollten wir sicherstellen, dass so viele Menschen wie möglich den Text verstehen, während wir gleichzeitig unser Bestes taten, um unsere Sprache nicht zu verarmen. Was die Übersetzung des Alten Testaments betrifft, so erkennt man im Text, dass die Übersetzerinnen eine sehr schöne literarische Sprache mit reichem Vokabular verwenden, die manchmal nicht für jeden leicht zu verstehen ist: Einige Wörter müssen den Lesenden erklärt werden, aber dafür gibt es ein Glossar.“
„Am schwierigsten war es, sich zu entscheiden, ob man Gott im Singular oder im höflichen Plural ansprechen sollte. Ähnlich wie im Russischen oder Deutschen wird auch in der burjatischen Sprache manchmal das Pluralpronomen in der zweiten Person für die höfliche Anrede einer einzelnen Person verwendet. Die Verwendung dieses höflichen Pluralpronomens ist jedoch in den verschiedenen Regionen Burjatiens unterschiedlich. In einigen Bezirken spricht man seine Mutter oder seinen Vater immer in der respektvollen Pluralform an. Man kann sie nicht anders ansprechen, das wäre extrem unhöflich. Ich persönlich bin in einer Region aufgewachsen, in der es normal ist, seine Mutter, seinen Vater oder seine Grossmutter mit dem Singular anzusprechen. Deshalb war ich dafür, Gott auch in der Einzahl anzusprechen, denn er ist uns nahe, er ist unser Vater. Ich habe mein Verständnis aus dem normalen Leben auf die Bibel übertragen. Der erste Übersetzer des Neuen Testaments, Prof. Budajew war für eine streng wörtliche Übersetzung. Da die russische Synodalbibel Gott immer mit einem Singularpronomen anspricht, gab es in seinen Augen keine andere Möglichkeit.
Damit befanden wir uns in einer Situation, in der Gott im Alten Testament mit einem höflichen Plural, im Neuen Testament aber mit dem vertrauten Singular angesprochen wurde. Wir begannen zu überlegen, wie wir diese Pronomen vereinheitlichen könnten. Zunächst schien es einfacher, in der gesamten Bibel das Singularpronomen zu verwenden, zumal dies auch im russischen Text der Fall ist. Das haben wir dann auch in der ganzen Bibel durchgezogen. Aber dann fingen Leute aus burjatischen Kirchgemeinden an, die Entwürfe zu lesen, vor allem aus Gegenden, in denen nur der Plural für die Anrede der Eltern und älterer Verwandter verwendet wird. Sie waren entsetzt, dass Gott in der Einzahl angesprochen wurde, und gaben uns negative Rückmeldungen. Es waren burjatische Christen, die absolut dagegen waren, den Herrn in der Einzahl anzusprechen. Wir mussten uns darauf einigen, dass, wenn etwas für einen Teil der Leserschaft völlig inakzeptabel ist, wie in unserem Fall, nur die Möglichkeit besteht, die Übersetzung zu ändern, da sich die Leute sonst einfach weigern würden, sie zu lesen. Daraufhin haben wir alles noch einmal geändert, aber in umgekehrter Richtung, so dass Gott jetzt überall mit dem Plural angesprochen wird.“
Dann fragte ich Darima, was ihr die 28 Jahre Arbeit an der Bibelübersetzung persönlich gebracht haben.
„Ich weiss nicht recht, wie ich es in Worte fassen soll. Ich bin dankbar, dass ich diese Begegnung mit dem Buch der Bücher in meinem Leben hatte. Es lehrt und nährt den Geist, das Denken. In der modernen Welt diktieren materielle Werte die Regeln des Lebens, und die Gedanken kreisen darum, immer mehr materielle Güter zu erlangen. Und die wahren Schätze, die uns nicht nur in diesem Leben, sondern auch darüber hinaus leiten werden, bleiben völlig ungenutzt. Es ist so wichtig, uns daran zu erinnern, dass vieles von dem, was wir in dieser Welt schätzen, leer ist. Das Buch der Bücher ist eine Quelle des lebensspendenden Wassers, das uns zum Sinn des Lebens zurückführt. Hätte meine Begegnung mit der Bibel nie stattgefunden, wäre das ein grosser Verlust gewesen. Ich hätte dieses lebensspendende Wasser nicht erhalten und hätte bis zum Ende meines Lebens versucht, meinen Durst mit salzigem Wasser zu stillen. Und mein Durst wäre nie gestillt worden.“
Und danke Ihnen, liebe Leser und Leserinnen, für Ihre finanzielle Unterstützung weiterer Schulungen im Gebiet „Bibelgebrauch“.
Konto/ Zahlbar an:
CH54 0070 0111 8000 5298 6
Ev.ref. Kirchgemeinde Zürich-Hirzenbach
Altwiesenstrasse 170, 8051 Zürich
Zusätzliche Informationen Russland
Bankverbindungen für Spenden
Via: UNICREDIT Bank ZAO, Moscow
SWIFT: IMBKRUMM
Zu Gunsten des Instituts für Bibelübersetzung
Address: 119334, Russia, Moscow, Andreevskaya nab. 2
TIN (INN) 7736231521
Neunstelliger Bankidetificationskod im russischen Banksystem: 044525545
Konto Nr. (IBAN):
634261 USD 4020 02 001 oder 40703840700010142881
634261 EUR 4020 02 001 oder 40703978700010366720
634261 GBP 4020 02 001 oder 40703826600010366723
Via: NOSTRO ACCOUNTS OF AO UNICREDIT BANK, MOSCOW:
Through: NOSTRO ACCOUNTS OF AO UNICREDIT BANK, MOSCOW:
USD JPMORGAN CHASE BANK N.A., NEW YORK SWIFT CODE: CHASUS33
EUR UNICREDIT BANK AG (HYPOVEREINSBANK) , MUNICH SWIFT CODE: HYVEDEMM
EUR UNICREDIT BANK AUSTRIA AG, VIENNA SWIFT CODE: BKAUATWW
EUR UNICREDIT S.P.A., MILANO SWIFT CODE: UNCRITMM
GBP THE ROYAL BANK OF SCOTLAND PLC, LONDON SWIFT CODE: RBOSGB2L
Wichtig! Im Feld "Zweck" muss die Bemerkung "Charity donation" stehen.
Für weitere Informationen wenden Sie sich direkt an IBUe